Beispielrede · Vorstand ehrt den Verein
Beispiel: Rede zum 100-jährigen Vereinsjubiläum — „Hundert Jahre, in denen immer jemand kam"
Situation: Vorsitzender Gerhard Kistner spricht beim Festkommers zum 100-jährigen Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Oberndorf, gegründet 1926. Im Festzelt: aktive Wehr, Altersabteilung, Bürgermeister, Nachbarwehren, Familien. Der Ton ist festlich und bodenständig: keine Vereinsmeier-Phrasen, sondern echte Geschichten aus hundert Jahren Ehrenamt. Die Rede funktioniert, weil sie das Ehrenamt nicht beweihräuchert, sondern an konkreten Einsätzen und Menschen zeigt, was es bedeutet — und weil sie auch die Generation würdigt, die nicht mehr da ist. Alle Namen sind frei erfunden.
Liebe Kameradinnen und Kameraden, sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Gäste aus den Nachbarwehren, liebe Festgemeinde.
Im Gründungsprotokoll unserer Wehr aus dem Jahr 1926 steht ein Satz, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Die zwölf Männer, die sich damals im Gasthaus zur Linde zusammengesetzt haben, schrieben als Vereinszweck nieder: „Daß bei Feuersgefahr nicht ein jeder allein dasteht." Ein jeder steht nicht allein da. Das war vor hundert Jahren der Gründungsgedanke, und ich behaupte: An diesem Satz hat sich bis heute nichts geändert, außer dass aus den Ledereimern Atemschutzgeräte geworden sind.
Hundert Jahre — das klingt nach Geschichtsbuch, aber es ist die Summe aus tausenden ganz konkreter Nächte. Ich denke an den großen Brand der Mühle Eberhardt 1947, als die halbe Mannschaft direkt aus dem Krieg zurück war und mit nichts als einer Handpumpe gegen das Feuer kämpfte. Ich denke an das Hochwasser 1981, als unsere Wehr drei Tage und Nächte Sandsäcke gefüllt hat und die ganze Oberndorfer Au gerettet wurde. Und ich denke an den letzten Sommer, als wir bei dreißig Grad zur brennenden Scheune am Ortsrand gerufen wurden — und keine zehn Minuten später standen achtzehn Leute am Gerätehaus, die alle eigentlich Feierabend hatten. Hundert Jahre, in denen immer jemand kam. Das ist unser Jubiläum.
Ich möchte heute besonders an die denken, die diese hundert Jahre getragen haben und nicht mehr unter uns sind. An Kommandant Alois Brunner, der die Wehr durch die schweren Nachkriegsjahre geführt hat. An den jungen Kameraden Stefan, den wir 1994 bei einem Einsatz verloren haben — sein Bild hängt bis heute im Gerätehaus, und kein Übungsabend vergeht, an dem die Jüngeren nicht seine Geschichte hören. Wir feiern heute, aber wir vergessen nicht, was dieses Ehrenamt kosten kann.
Und ich möchte denen danken, die selten genannt werden. Den Familien, die ihren Mann, ihre Frau, ihre Kinder gehen lassen, wenn der Melder geht — auch beim Sonntagsbraten, auch in der Nacht. Unserer Altersabteilung, die mit Rat und Erfahrung da ist, wenn wir sie brauchen. Und unserer Jugendfeuerwehr, dreiundzwanzig Kinder und Jugendliche stark — ihr seid der Beweis, dass dieser Verein auch das nächste Jahrhundert nicht allein dastehen wird.
Hundert Jahre Freiwillige Feuerwehr Oberndorf — das ist kein Verdienst einer Generation, sondern eine Kette, die nie gerissen ist. Lasst uns diese Kette feiern, lasst uns derer gedenken, die sie geschmiedet haben, und lasst uns das Glas erheben: auf unsere Wehr, auf unser Dorf, und auf die einfache Wahrheit von 1926 — dass bei uns niemand allein dasteht. Gut Wehr!
Was Sie übernehmen können
- Aus dem Gründungsdokument zitieren: Der Satz aus dem Protokoll von 1926 gibt der Rede einen roten Faden und verbindet Anfang und Gegenwart. Alte Vereinsunterlagen sind Gold wert — suchen Sie dort nach einem Originalsatz.
- Hundert Jahre in Szenen erzählen: Statt Jahreszahlen aufzuzählen, nennt die Rede drei konkrete Einsätze. Wenige lebendige Geschichten wirken stärker als eine vollständige Chronik.
- Der Verstorbenen gedenken: Bei einem langen Vereinsjubiläum gehört der Blick auf die, die nicht mehr da sind, dazu — würdevoll, aber ohne den festlichen Rahmen zu zerbrechen.
- Die Stillen würdigen: Familien, Altersabteilung, Jugend — gerade beim Ehrenamt tragen viele, die selten genannt werden. Sie ausdrücklich zu nennen, kommt gut an.
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