Beispielrede · Patin für ihr Patenkind
Beispiel: Taufrede als Patin — Ein Brief, der erst später ankommt
Situation: Miriam ist Patin des kleinen Theo und spricht bei seiner Taufe. Sie weiß, dass Theo von ihrer Rede heute nichts versteht — und macht genau das zum Kern: Sie formuliert ihre Wünsche so, dass sie in zwanzig Jahren noch gelten. Der Ton ist besinnlich und berührend: nachdenklich, ruhig, mit Tiefgang. Ein leiser Segenswunsch klingt am Ende an, ohne dass die Rede predigt. Sie funktioniert, weil die Wünsche konkret und ehrlich sind statt allgemein. Alle Namen sind frei erfunden.
Liebe Sandra, lieber Markus, liebe Gäste — und lieber Theo.
Ich halte diese Rede heute für dich, Theo, und das ist ein bisschen seltsam: Du bist gerade fünf Monate alt und beschäftigst dich viel lieber mit deiner eigenen Faust als mit dem, was deine Patentante zu sagen hat. Das ist auch völlig in Ordnung. Ich rede eigentlich gar nicht zu dem Theo, der heute hier liegt. Ich rede zu dem Theo, der das in vielleicht zwanzig Jahren einmal liest. Stell dir vor, ich schreibe dir einen Brief, der erst später ankommt.
Lieber großer Theo, ich war an deinem Tauftag deine Patin, und ich habe mir an diesem Tag ein paar Dinge für dich gewünscht. Keine großen — gerade die kleinen halten oft länger.
Ich wünsche dir Menschen, bei denen du nicht erklären musst, warum du gerade still bist. Ich wünsche dir die Neugier, lange Fragen zu stellen, auch wenn die Antworten kompliziert sind. Ich wünsche dir, dass du dich irgendwann für eine Sache so begeistern kannst, dass du die Zeit vergisst — und dass jemand neben dir steht, der diese Begeisterung versteht, statt sie zu bremsen.
Ich wünsche dir auch ein paar unbequeme Dinge, weil sie dazugehören: dass du scheitern darfst, ohne dich dafür zu schämen. Dass du Fehler machst, die deine eigenen sind, und nicht die, die andere von dir erwartet haben. Und dass du am Ende eines schwierigen Tages immer einen Ort kennst, an dem jemand das Licht für dich anlässt.
Ich kann dir nicht versprechen, dass das Leben leicht wird. Aber ich kann dir versprechen, dass ich da bin. Nicht laut, nicht ständig — aber verlässlich. Wenn du mich brauchst, findest du mich.
Und falls du an Gott zweifelst oder an ihn glaubst — beides ist erlaubt —, dann nimm wenigstens dieses eine mit, was wir dir heute wünschen: Du bist willkommen, so wie du bist. Du musst nichts dafür tun. Mögen gute Wege dich begleiten.
Theo, schlaf ruhig weiter. Der Brief wartet, bis du so weit bist.
Was Sie übernehmen können
- An das spätere Kind schreiben: Der Kniff, die Rede als Brief an den erwachsenen Theo zu formulieren, löst das Grundproblem jeder Taufrede — das Kind versteht heute nichts davon. So werden die Wünsche zeitlos statt babyhaft.
- Konkrete Wünsche statt Allgemeinplätze: „Menschen, bei denen du nicht erklären musst, warum du still bist" ist greifbar; „viel Glück im Leben" wäre es nicht. Suchen Sie Wünsche, die nur zu diesem Kind und zu Ihnen passen.
- Auch das Unbequeme zulassen: Scheitern dürfen, eigene Fehler machen — diese Wünsche wirken ehrlich, weil sie nicht alles glattbügeln. Das hebt die Rede über bloße gute Vorsätze hinaus.
- Glaube maßvoll andeuten: Der Segenswunsch am Ende lässt Raum für Zweifel und Glaube zugleich. Wenn Religion in Ihrer Familie kein großes Thema ist, können Sie diesen Teil weglassen, ohne dass die Rede etwas verliert.
Ihre eigene Rede
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