Herz & Worte

Beispielrede · Enkelin für ihre Großmutter

Beispiel: Trauerrede für die Großmutter — Kind, iss erstmal was

Situation: Lea, 29, spricht bei der Trauerfeier für ihre Großmutter Hildegard, die mit 91 Jahren friedlich eingeschlafen ist. Nach einem langen, erfüllten Leben darf eine Trauerrede heller klingen — die Familie hat sich ausdrücklich gewünscht, dass gelacht werden darf. Der Ton ist dankbar und lebensbejahend: Die Rede würdigt ein gelebtes Leben mit einem Lächeln in der Träne. Der leise Humor funktioniert, weil er nie über die Großmutter lacht, sondern mit ihr — er erzählt liebevoll nach, was alle im Raum wiedererkennen. Gerade bei hochbetagten Verstorbenen ist diese Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit oft die stimmigste Wahl. Alle Namen sind frei erfunden.

Liebe Familie, liebe Trauergemeinde.

Wenn meine Oma heute hier wäre — und irgendwie ist sie das ja —, dann würde sie sich zuerst umschauen und fragen, ob auch alle etwas gegessen haben. Das war ihr Betriebssystem. Man konnte bei Hildegard Krüger keine fünf Minuten im Flur stehen, ohne dass ein Teller vor einem stand. „Kind, iss erstmal was. Reden kannst du mit vollem Mund nicht, aber denken geht."

Einundneunzig Jahre ist meine Oma alt geworden, und sie hat aus jedem einzelnen davon etwas gemacht. Sie hat als junge Frau in der Weberei gearbeitet, drei Kinder großgezogen, mit Opa fünfzig Jahre lang jeden Sonntag Skat gespielt — und nach seinem Tod hat sie kurzerhand die Nachbarinnen rekrutiert, „damit das Blatt nicht kalt wird". Frau Lehmann von gegenüber hat mir erzählt, dass Oma beim Skat gnadenlos war. Ich kann das bestätigen. Sie hat mich mit acht Mau-Mau spielen gelassen und mich nie, kein einziges Mal, absichtlich gewinnen lassen. „Gewinnen muss sich verdient anfühlen, Kind." Als ich sie das erste Mal ehrlich geschlagen habe, hat sie applaudiert und mir ein Eis spendiert. Ich war vierzehn. Es bleibt einer der stolzesten Momente meines Lebens.

Omas Wohnung in der Gartenstraße war das Zentrum unserer Familie. Es roch dort immer nach Bohnerwachs und nach Streuselkuchen, und in der zweiten Schublade der Anrichte — wir wussten es alle, und sie wusste, dass wir es wussten — lagen die Gummibärchen. Offiziell für besondere Anlässe. Inoffiziell war jeder Besuch ein besonderer Anlass. Bis zuletzt, wenn wir Enkel zur Tür hereinkamen, ging diese Schublade auf, ganz selbstverständlich, als wären wir immer noch sechs.

Aber ich will nicht nur von Kuchen und Karten erzählen, denn meine Oma war mehr als die liebe alte Dame, für die Fremde sie vielleicht hielten. Sie hat zwei Währungsreformen, einen Krieg, den Wiederaufbau und sechs Bundeskanzler überstanden — ihre Zählung, sie hat bei Adenauer angefangen und fand, danach sei es bergab gegangen, allerdings hat sie das über jeden Einzelnen gesagt. Sie hat angepackt, wenn andere noch überlegten. Als ich nach dem Abitur nicht wusste, was ich werden soll, hat sie mich nicht getröstet. Sie hat gesagt: „Dann fang halt irgendwo an. Stehenbleiben kannst du immer noch." Es war der beste Rat, den ich je bekommen habe, und ich gebe ihn seitdem schamlos als meinen eigenen weiter.

In ihren letzten Jahren wurde ihr Radius kleiner, aber ihr Blick nicht. Sie saß am Fenster, beobachtete die Straße und wusste über die Nachbarschaft besser Bescheid als jede Zeitung. Und wenn man sie fragte, wie es ihr geht, sagte sie: „Ich kann nicht klagen. Können schon — aber wollen nicht." Diesen Satz möchte ich behalten. Er ist vielleicht ihr ganzes Lebensrezept in sieben Worten.

Wir trauern heute, und das dürfen wir. Aber wir trauern um einen Menschen, dem das Leben geglückt ist — und wie oft kann man das schon sagen? Einundneunzig Jahre, drei Kinder, sieben Enkel, vier Urenkel, unzählige Teller Streuselkuchen und keine einzige Mau-Mau-Partie geschenkt. Das ist kein Anlass nur für Tränen. Das ist ein Anlass, danke zu sagen.

Oma, danke für die offene Schublade, die offene Tür und das offene Wort. Wir werden weiterspielen, ohne dich gewinnen zu lassen — du hättest es nicht anders gewollt. Und beim Kaffee nach der Feier werden wir alle erstmal was essen. Versprochen.

Mach's gut, Oma. Das Blatt bleibt warm.

Ihre eigene Rede

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