Beispielrede · Ehefrau für ihren Mann
Beispiel: Trauerrede für den Ehemann — Die zweite Tasse
Situation: Elisabeth spricht bei der Trauerfeier für ihren Mann Werner, mit dem sie 43 Jahre verheiratet war. Eine Rede für den eigenen Lebenspartner ist die vielleicht schwerste überhaupt — viele entscheiden sich dagegen, und auch das ist völlig legitim. Elisabeth hat sich dafür entschieden, und zwar bewusst für eine kurze, getragene Form. Der Ton ist tröstend und hoffnungsvoll: Die Rede verschweigt den Schmerz nicht, aber sie endet nicht in ihm. Sie richtet den Blick behutsam nach vorn — nicht mit Durchhalteparolen, sondern mit dem, was von einem gemeinsamen Leben trägt. Alle Namen sind frei erfunden.
Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Trauergemeinde.
Dreiundvierzig Jahre lang hat mein Mann mir morgens eine Tasse Kaffee gemacht. Jeden Tag. Auch an den Tagen, an denen wir gestritten hatten — dann stand die Tasse einfach wortlos auf dem Tisch, und das war seine Art zu sagen: Wir zwei, das steht nicht zur Debatte. Seit drei Wochen koche ich meinen Kaffee selbst. Es ist derselbe Kaffee, dieselbe Maschine, dieselbe Tasse. Und es ist doch etwas vollkommen anderes.
Kennengelernt haben Werner und ich uns 1981 in der Tanzschule Severin — er war der Einzige im Kurs, der zugab, dass er nicht tanzen konnte. Alle anderen taten so. Er trat mir in der ersten Stunde dreimal auf die Füße und sagte beim dritten Mal: „Ich kann Ihnen nur versprechen, dass ich es immer wieder versuche." Ich habe damals nicht geahnt, dass dieser Satz unser ganzes Leben beschreiben würde. Werner war kein perfekter Mann. Aber er war einer, der es immer wieder versucht hat — und das ist am Ende so viel mehr wert.
Wir haben in diesen dreiundvierzig Jahren vieles miteinander getragen. Den Bau des Hauses, bei dem er jede freie Stunde auf der Leiter stand. Die Jahre, in denen das Geld knapp war. Die Sorge um unsere Tochter Sabine, als sie krank war. Und wir haben so viel miteinander gelacht — am meisten in unserem alten Wohnwagen, mit dem wir jeden Sommer an die Ostsee gefahren sind. Werner hat das Vorzelt in all den Jahren kein einziges Mal beim ersten Versuch richtig aufgebaut. Es wurde ein Familienritual: Papa flucht leise, Sabine hält die Stangen, und am Ende sitzen wir im Trockenen und sind ein bisschen stolz auf uns. Ich gäbe viel für einen einzigen dieser Nachmittage.
Was mir in diesen Wochen hilft, ist ein Gedanke, den Werner selbst mir mitgegeben hat. Als sein Bruder starb, vor neun Jahren, sagte er auf der Heimfahrt: „Trauer ist keine Mauer, Lisbeth. Sie ist eine Tür, durch die man immer wieder zurückgehen darf." So will ich es versuchen. Ich will nicht vor der Mauer stehen bleiben, hinter der nichts mehr ist. Ich will durch die Tür gehen können — zurück in die Tanzschule, zurück ins Vorzelt, zurück an unseren Frühstückstisch — und dann wieder hinaus ins Leben, das weitergeht. Langsam. In meinem Tempo. Aber es geht weiter, und Werner hätte darauf bestanden.
Er hat nämlich vorgesorgt, mein praktischer Mann. Im Frühjahr, als er schon wusste, dass die Zeit knapp wird, hat er die Sträucher im Garten geschnitten und dabei gesagt: „Die blühen dann im Sommer, wenn ich vielleicht nicht mehr da bin. Dann denkst du dran, dass ich das war." Die Sträucher blühen jetzt. Er hat es wieder einmal geschafft, mir eine Tasse hinzustellen, wortlos, über den Tod hinaus.
Ich danke euch allen, dass ihr heute hier seid — viele von euch haben Werner ein halbes Leben lang begleitet, im Kegelclub, in der Siedlung, in der Familie. Bleibt uns nahe, erzählt mir eure Geschichten von ihm, auch die, die ich noch nicht kenne. Jede einzelne ist eine Tür mehr.
Werner, mein Lieber: Danke für dreiundvierzig Jahre, in denen du es immer wieder versucht hast. Danke für jede Tasse Kaffee. Ich gehe jetzt durch die Tür — und du bist auf beiden Seiten bei mir.
Bis später, mein Herz.
Was Sie übernehmen können
- Ein kleines Ritual als Einstieg: Die morgendliche Kaffeetasse macht den Verlust sofort konkret und körperlich nachvollziehbar — stärker als jede abstrakte Aussage über Trauer. Suchen Sie das kleine, tägliche Ritual Ihrer Partnerschaft.
- Ein Satz des Verstorbenen trägt den Trost: Das Bild von der Tür stammt vom Verstorbenen selbst. Trost wirkt am stärksten, wenn er nicht von außen kommt, sondern aus dem gemeinsamen Leben — so spricht der Mensch noch einmal mit.
- Hoffnung ohne Beschönigung: Die Rede behauptet nicht, dass es gut wird. Sie sagt: Es geht weiter, langsam, im eigenen Tempo. Das ist glaubwürdiger und tröstlicher als jeder Appell, stark zu sein.
- Die Trauergemeinde einbinden: Die Bitte, Geschichten zu erzählen und nahe zu bleiben, gibt den Gästen eine Aufgabe über den Tag hinaus — und der sprechenden Person ein Netz für die kommende Zeit.
Ihre eigene Rede
Eine Rede aus Ihren gemeinsamen Jahren
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