Beispielrede · Pate für sein Patenkind

Beispiel: Taufrede als Pate — „Du hast jetzt einen, der zuhört"

Situation: Jonas spricht bei der Tauffeier seiner Nichte Emma, deren Pate er ist. Er kennt die Eltern seit der Schulzeit und will weniger ein großes Versprechen abgeben als ein ehrliches: erreichbar zu sein. Der Ton ist herzlich und persönlich: nahbar, mit einem Augenzwinkern, weltlich-warm. Das Patenamt klingt als Haltung an, nicht als Pflichtkatalog. Die Rede funktioniert, weil sie nichts über Emma behauptet, was man von einem wenige Monate alten Kind noch nicht wissen kann — sondern beim Konkreten bleibt. Alle Namen sind frei erfunden.

Liebe Lena, lieber Tobias, liebe Familie, liebe Freunde — und liebe Emma, auch wenn du dieses Wort heute noch verschläfst.

Als Tobias mich vor einem halben Jahr gefragt hat, ob ich Emmas Pate werden will, haben wir am Küchentisch gesessen, und ich habe ungefähr eine halbe Sekunde gebraucht, um Ja zu sagen. Was mich danach beschäftigt hat, war die schwierigere Frage: Was heißt das eigentlich? Ich habe keine offizielle Stellenbeschreibung gefunden. Also habe ich mir eine eigene gemacht.

Pate sein heißt für mich nicht, der zweite Vater zu sein — diesen Platz hat Tobias, und der ist gut besetzt. Es heißt: Emma hat ab heute jemanden außerhalb des engsten Kreises, der trotzdem ganz fest zu ihr gehört. Jemanden, bei dem man auch dann anrufen kann, wenn man mit zwölf der Meinung ist, dass die eigenen Eltern von nichts eine Ahnung haben. Ich war auch mal zwölf. Ich erinnere mich gut, wie wichtig es war, einen Erwachsenen zu haben, der nicht zur Erziehung verpflichtet war, sondern einfach zugehört hat.

Emma, ich kenne dich jetzt seit vier Monaten, und du hast eine Sache schon eindeutig geklärt: Du hast einen Blick, mit dem du einen ganzen Raum stilllegen kannst. Letzte Woche hast du mich angeschaut, als wolltest du sagen: „Na, mal sehen, ob du das mit dem Patenamt wirklich draufhast." Ich nehme das als Ansporn.

Was ich dir versprechen kann, sind keine großen Worte, sondern kleine, verlässliche Dinge. Ich werde mir Zeit nehmen, wenn du Zeit brauchst. Ich werde dir Sachen zeigen, die deine Eltern dir wahrscheinlich nicht zeigen — vermutlich zum leichten Entsetzen von Lena. Ich werde da sein, wenn etwas schiefgeht und du jemanden suchst, der nicht gleich in Sorge ausbricht, sondern erst mal fragt: „Erzähl mal." Und ich werde mich, das gehört zur Wahrheit dazu, manchmal blamieren, weil ich von Babys und später von Teenagern ungefähr gleich wenig verstehe. Aber lernen kann man ja zusammen.

Lena, Tobias — danke, dass ihr mir Emma anvertraut. Das ist ein größeres Geschenk, als ihr vielleicht denkt. Ich nehme es ernst, auch wenn ich heute mit einem Lächeln spreche.

Emma, willkommen. Du hast jetzt einen, der zuhört. Den Rest finden wir gemeinsam heraus.

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