Beispielrede · Mutter für ihren Sohn

Beispiel: Kommunionsrede der Mutter — Die zu großen Schuhe

Situation: Sandra spricht beim Festessen zu ihrem Sohn Jonas, der heute seine Erstkommunion gefeiert hat. Sie hat sich eine einzige Erinnerung herausgesucht — den ersten Schultag vor drei Jahren — und schlägt von dort den Bogen zum heutigen Tag. Der Ton ist herzlich und stolz: nahbar, mit echtem Gefühl, ohne ins Rührselige zu kippen. Die Rede funktioniert, weil sie nicht aufzählt, was Jonas alles kann, sondern an einem einzigen Bild zeigt, wie er gewachsen ist. Alle Namen sind frei erfunden.

Mein lieber Jonas, liebe Familie, liebe Gäste.

Ich muss heute an einen ganz anderen Tag denken. An deinen ersten Schultag, vor drei Jahren. Du hattest neue Schuhe an, eine Nummer zu groß, „damit sie länger passen", und beim Laufen sind sie dir ständig von der Ferse gerutscht. Trotzdem bist du losmarschiert, mit der Schultüte fast so groß wie du selbst, und an der Schultür hast du dich noch einmal umgedreht und mir zugewinkt — kurz, fast verlegen, und dann bist du rein. Ich habe auf dem Heimweg ein bisschen geheult. So geht das uns Müttern manchmal.

Heute Morgen, in der Kirche, hast du dich auch umgedreht und mir zugewinkt. Aber diesmal warst du nicht mehr verlegen. Du standst da, festlich angezogen, und du hast genau gewusst, was du tust. Die Schuhe passen inzwischen übrigens richtig. Und du bist nicht mehr der Junge, der hinter zu großen Schuhen herstolpert — du bist hineingewachsen, in die Schuhe und in so vieles andere.

Was ich an dir am meisten mag, Jonas, ist dein großes Herz. Du bist der Erste, der merkt, wenn es jemandem schlecht geht. Letzte Woche hast du deinem kleinen Cousin dein Lieblingsauto geschenkt, einfach so, weil er traurig war — und ich weiß, wie sehr du an diesem Auto hingst. Das ist es, was ich mir für dich wünsche, mehr als alles Können und alle Noten: dass du dieses Herz behältst. Dass du immer hinschaust, wenn jemand dich braucht.

Heute hast du zum ersten Mal die Kommunion empfangen, und ich glaube, das passt gut zu dir. Denn im Grunde geht es genau darum: füreinander da zu sein. Das machst du längst. Heute gehörst du nur ein Stück mehr dazu.

Danke, dass du mich zu deiner Mama gemacht hast. Danke an Papa, an Oma und Opa, an alle, die heute mit uns feiern. Und an dich, mein Großer.

Bleib so, wie du bist, Jonas. Lasst uns das Glas heben — auf meinen Sohn.

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